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Macht und Führung — Symbolbild

Macht und Führung — das Tabuthema des Mittelstands

Macht ist im deutschsprachigen Mittelstand ein Tabuthema. Geschäftsführer haben Macht — über Mitarbeiter-Schicksale, über Investitionen, über Kultur — sollen sie aber nicht spüren lassen. Diese Verleugnung produziert blinde Flecken, die regelmäßig kippen. Eine reflektierte Auseinandersetzung mit Macht ist eine der wichtigsten Führungskompetenzen.


In meinen Coaching-Mandaten ist Macht eines der Themen, die selten direkt angesprochen werden — und gleichzeitig ständig im Hintergrund wirken. Geschäftsführer sind über Macht oft ähnlich verlegen wie über Geld: man hat sie, redet aber lieber nicht offen darüber. Diese kulturelle Hürde ist besonders im deutschsprachigen Mittelstand stark — anders als in angelsächsischen Kontexten, wo Macht offener thematisiert wird.

Das hat kulturelle Wurzeln, die über persönliche Haltung weit hinausgehen. Geert Hofstedes komparative Forschung zu nationalen Kulturdimensionen ordnet Deutschland beim sogenannten Machtdistanzwert bei 35 von 100 ein — deutlich unterhalb des weltweiten Mittels. Das bedeutet: Im deutschsprachigen Kulturraum gelten flache Hierarchien als Tugend, offene Machtdemonstration als Zeichen schlechten Stils. Wer Macht transparent benennt, gilt schnell als arrogant. Wer sie dagegen still ausübt, ohne sie zu reflektieren, verursacht Schäden, die niemand benennt — weil niemand benennen darf, was er gesehen hat.

Hinzu kommt eine spezifische Mittelstands-Dynamik: Viele Inhaber und Geschäftsführer haben ihre Unternehmen aufgebaut oder über viele Jahre geprägt. Ihre Macht ist nicht nur formal — sie ist identitär. Das macht Reflexion schwerer, nicht leichter. Wenn Rolle und Persönlichkeit untrennbar verschmelzen, ist jede Frage über Machtausübung auch eine Frage über die Person selbst. Genau das ist der Grund, warum dieses Thema in internen Gesprächen kaum je auf den Tisch kommt — und warum externe Reflexion so viel leisten kann.

Die Verleugnung kostet — sie produziert Macht-Ausübung, die ungesteuert ist und damit oft unbewusst destruktiv wirkt.

Vier Formen von Macht

Aus der Klassik der Sozialwissenschaft, in praxisnaher Form. Die Forschung von French und Raven (1959) zu den Grundlagen sozialer Macht hat eine Taxonomie hinterlassen, die Jahrzehnte Führungspraxis überlebt hat — weil sie beschreibt, was tatsächlich passiert, nicht was in Leitbildern steht.

Positionsmacht. Macht durch die Rolle. Sie entscheiden, weil Sie der Geschäftsführer sind. Diese Macht ist legitim und stark, aber sie nutzt sich ab, wenn sie zu oft die einzige Begründung ist. Wer regelmäßig mit Positionsmacht Entscheidungen durchsetzt, bekommt Compliance — keine Überzeugung. Im Mittelstand zeigt sich das oft in Teams, die formell "Ja" sagen und informal bremsen: keine Fragen, keine Einwände, keine Energie. Wenn Positionsmacht die anderen Formen ersetzt, wird das Büro des Chefs zur Instanz der letzten Eskalation — nicht zur ersten Klärung.

Expertenmacht. Macht durch Fachwissen. Sie entscheiden, weil Sie das Problem besser verstehen. Diese Macht ist im Mittelstand oft unterschätzt — Geschäftsführer, die ihr Geschäft tief kennen, haben mehr Einfluss als solche, die nur formell führen. Die Kehrseite: Expertenmacht kann zur Falle werden. Wer immer der Klügste im Raum sein muss, entwickelt kein Team, das ohne ihn entscheidet. Führungskräfte, die aus der Expertise heraus führen, müssen lernen, wann sie ihr Wissen einsetzen und wann sie den Raum freigeben — beides ist Kompetenz.

Beziehungsmacht. Macht durch Vertrauen und persönliche Bindung. Diese Macht baut sich über Jahre auf — und ist in Krisenzeiten die wertvollste, weil sie nicht von der Position abhängt. Eine Geschäftsführerin, der Mitarbeiter in schwierigen Phasen folgen, ohne dass sie Anordnungen erteilen muss, verfügt über Beziehungsmacht, die ihre Positionsmacht um ein Vielfaches übersteigt. Beziehungsmacht entsteht durch Verlässlichkeit, durch echte Auseinandersetzung — auch wenn sie unbequem ist — und durch die Fähigkeit, Fehler zuzugeben. Sie ist nicht selbstverständlich, und sie kann zerstört werden: schneller als sie aufgebaut wurde.

Belohnungs- und Sanktionsmacht. Macht durch die Möglichkeit, Vorteile zu vergeben oder zu entziehen. Diese Macht wirkt am stärksten, wenn sie selten genutzt wird — wer sie ständig einsetzt, verliert sie. Sanktionen als Führungsmittel funktionieren kurzfristig. Mittelfristig produzieren sie Vermeidungsverhalten: Mitarbeiter optimieren nicht mehr für das Ergebnis, sondern für die Vermeidung der Sanktion. Das ist ein Systemwechsel, der sich schleichend vollzieht — und der erst dann auffällt, wenn die Eigeninitiative schon verschwunden ist.

Macht in der Hierarchie: was mittlere Führungskräfte nicht zugeben

Die Diskussion über Macht konzentriert sich fast immer auf die Führungsspitze. Das ist verständlich, aber unvollständig. Im Mittelstand sitzen zwischen Geschäftsführung und Team oft Abteilungsleiter, Projektverantwortliche, Teamleiter, Meister — Menschen, die formell Verantwortung tragen, aber nicht immer die Macht haben, die dazu gehört.

Diese Sandwich-Position ist strukturell unbequem: Von oben kommen Vorgaben, die nicht immer erklärbar sind. Von unten kommen Erwartungen, die mit diesen Vorgaben nicht immer harmonieren. Dazwischen sitzt eine Führungskraft, die beiden Seiten gegenüber verantwortlich ist — aber für keinen dieser Konflikte eine echte Entscheidungsbefugnis hat. Entscheidungen werden erklärt, nicht getroffen. Haltungen werden übersetzt, nicht entwickelt. Wer das nicht reflektiert, läuft auf Reserve — und die wird irgendwann leer.

Was dabei entsteht, ist eine spezifische Form von Macht-Vakuum: Die formelle Macht ist begrenzt — sie kommt von oben. Die informelle Macht — Beziehungsmacht, Expertenmacht — wird nicht entwickelt, weil dafür Zeit und Raum fehlen. Konflikte im Team landen auf dem Tisch der mittleren Führungskraft, ohne dass sie das Mandat hätte, sie strukturell zu lösen. Ehrliches Feedback kommt nicht mehr an — weder von oben noch von unten. Kein echtes Sparring existiert: Kollegen sind im Zweifel Konkurrenten, der Vorgesetzte hat keine Zeit.

Das ist keine persönliche Schwäche. Es ist ein strukturelles Problem, das Coaching adressieren kann — aber nur, wenn klar ist, welche Machtformen tatsächlich vorhanden sind und welche fehlen. Eine Teamleiterin, die keine Sanktionsmacht hat, kann über Beziehungsmacht führen — aber nur, wenn sie weiß, dass das eine bewusste Entscheidung ist, keine Kompromisslösung. Klarheit darüber, was man hat und was man nicht hat, ist die Voraussetzung für wirkungsvolles Führen unter Einschränkungen.

Für Geschäftsführer bedeutet das: Wer sein mittleres Management entwickeln will, muss zunächst verstehen, mit welcher Macht diese Ebene überhaupt ausgestattet ist. Wer Führungskräfte im Sandwich zur Eigenverantwortung auffordert, ohne ihnen dafür formelle oder informelle Handlungsmacht zu geben, erzeugt Frustration — keine Entwicklung. Das ist einer der häufigsten Brüche zwischen dem, was Geschäftsführer von ihrer zweiten Ebene erwarten, und dem, was diese Ebene tatsächlich leisten kann.

Was Macht-Reflexion bedeutet

Drei Reflexionsfragen, die ich Geschäftsführern stelle.

Frage 1: Welche Macht setze ich ein, ohne mir bewusst zu sein? Geschäftsführer setzen täglich Macht ein — oft unbewusst. Eine Bemerkung im Vorbeigehen wird zur Anweisung. Ein Schweigen wird als Ablehnung interpretiert. Wer das nicht reflektiert, produziert Wirkungen, die er nicht kontrolliert.

Ein typisches Muster aus der Praxis: Ein Geschäftsführer sagt in einem Flurgespräch, er frage sich, ob man das Projekt wirklich in dieser Form brauche — er meint es als Denkfrage. Sein Team hört es als Richtungsentscheidung und stoppt das Vorhaben, ohne nachzufragen. Zwei Monate später fragt derselbe Geschäftsführer, warum das Thema nie weiterverfolgt wurde. Das ist keine Ausnahme. Das ist der Normalzustand, wenn Positionsmacht nicht reflektiert ist — und er erklärt, warum Führungskräfte an der Spitze systematisch schlechter informiert sind als sie glauben.

Frage 2: Wo lasse ich Macht ungenutzt liegen? Manche Geschäftsführer scheuen sich, ihre Macht offen zu nutzen — aus Konflikt-Vermeidung oder kulturellem Unbehagen. Das wirkt im ersten Moment harmlos, ist aber oft schädlich, weil dann andere die Lücke füllen — meistens schlechter. Wer Entscheidungen verzögert, weil er niemandem wehtun will, überlässt die Entscheidung dem Zufall oder dem Lautesten im Raum. Macht nicht zu nutzen ist auch eine Entscheidung — mit Konsequenzen, die sich zurechnen lassen.

Frage 3: Welche Beziehungsmacht baue ich gerade auf — oder ab? Beziehungsmacht ist die wertvollste Form, weil sie unabhängig von der Position trägt. Sie baut sich auf durch Verlässlichkeit, Wertschätzung und ehrliche Auseinandersetzung. Sie baut sich ab durch Inkonsistenz, Schein-Wertschätzung und vermiedene Konflikte.

Beziehungsmacht: was aufbaut und was zerstört

Von den vier Machtformen ist Beziehungsmacht die einzige, die nicht ernannt, nicht übertragen und nicht verordnet werden kann. Sie entsteht durch wiederholte Erfahrungen — und das macht sie zur langfristig stärksten Form der Führung. Sie ist auch die ungreifbarste, weil niemand sie direkt messen kann. Aber Führungskräfte, die über echte Beziehungsmacht verfügen, erkennen es in bestimmten Momenten: wenn Menschen ohne Anweisung das Richtige tun, wenn niemand auf Absicherung wartet sondern mitdenkt, wenn auch harte Entscheidungen von den Betroffenen mitgetragen werden.

Was Beziehungsmacht aufbaut: Verlässlichkeit in dem, was man sagt und tut. Nicht Allwissenheit — niemand erwartet, dass Führungskräfte immer alle Antworten haben. Aber Konsistenz: wer "ich melde mich bis Freitag" sagt und sich nicht meldet, verliert Vertrauen nicht nur in diesem Moment, sondern systematisch über alle folgenden Zusagen hinweg. Beziehungsmacht wächst auch durch ehrliche Auseinandersetzung statt höflicher Zustimmung, durch das Zugeben von Fehlern ohne Gesichtsverlust-Theater, und durch echtes Interesse an den Menschen — nicht nur an ihrer Funktion.

Was Beziehungsmacht zerstört: Schein-Wertschätzung. Das Lob, das automatisch kommt und deshalb nichts bedeutet. Führungskräfte in verantwortlichen Positionen spüren den Unterschied zwischen echtem Interesse und PR-Führung sehr genau — auch wenn sie es im Alltag nicht artikulieren. Beziehungsmacht baut sich auch ab durch vermiedene Konflikte: wer Probleme mit einem Mitarbeiter nicht direkt anspricht, sondern hofft, dass sie sich auflösen, investiert gerade nicht in die Beziehung. Er zieht nur den unvermeidlichen Klärungsmoment heraus — und tut damit beiden Seiten einen schlechten Dienst.

Die Einsamkeit, die viele Unternehmer und Geschäftsführer an der Spitze beschreiben, hängt direkt mit Beziehungsmacht zusammen. Wer Macht hat, dem gegenüber verhalten sich Menschen anders — vorsichtiger, politischer, strategischer. Ehrliche Rückmeldung ist rar, echte Auseinandersetzung findet selten statt. Das ist kein Zeichen schwacher Mitarbeiter — das ist eine strukturelle Konsequenz von Macht. Wer das versteht, sucht externe Reflexionspartner nicht aus Schwäche, sondern aus Klarheit über die eigene Situation: Wer von allen abhängig ist, dem sagt niemand wirklich offen, was er braucht.

Was Macht-Verleugnung kostet

Vier Folgen, die sich in der Praxis zeigen. Nicht als Worst-Case-Szenario — sondern als konsistentes Muster, das ich in Mandaten immer wieder antreffe, sobald das Thema Macht zum ersten Mal offen auf den Tisch kommt.

Erstens: unbewusste Wirkung. Wer nicht weiß, dass er Macht ausübt, wirkt unkontrolliert. Die Wirkung entsteht trotzdem — nur ohne Absicht und ohne die Möglichkeit, daraus zu lernen. Das erklärt, warum manche Geschäftsführer von der Stimmung in ihrem Unternehmen systematisch falsch informiert sind: nicht weil niemand etwas sagen würde, sondern weil die unbewusste Macht-Ausübung dafür sorgt, dass niemand etwas sagt.

Zweitens: schwache Mitarbeiter-Entwicklung. Wer keine Macht offen einsetzt, kann auch keine offen abgeben — und verbleibt in einem Modus, in dem er für alles gebraucht wird und nichts wirklich delegiert ist. Eigenverantwortung entsteht nicht durch Appelle, sondern durch klare Strukturen: wer entscheidet, wer entscheiden darf, und wer die Konsequenzen trägt. Wenn das unklar ist, wartet man lieber ab. Das kostet Zeit, Entwicklung und im Ergebnis Motivation.

Drittens: Schein-Demokratie. Wenn der Geschäftsführer so tut, als sei er einer von vielen, entsteht im Team Verwirrung über die echten Entscheidungs-Strukturen. Schein-Demokratie kostet nicht weniger Energie als offene Führung — sie kostet mehr. Zur inhaltlichen Auseinandersetzung kommt die Aufgabe, herauszufinden, was eigentlich wirklich gilt. Wer nicht klar macht, wie Entscheidungen fallen, erzieht sein Team dazu, Entscheidungen zu erraten statt zu gestalten.

Viertens: kulturelles Signaling nach innen. Macht-Verleugnung sendet ein Signal an die Ebene darunter: Macht ist etwas, über das man nicht spricht. Das mittlere Management übernimmt diesen Modus — und führt im gleichen Stil. Wer Macht als Thema tabuisiert, tabuisiert gleichzeitig die Möglichkeit, Entscheidungen zu hinterfragen, Zuständigkeiten zu klären und Entwicklung einzufordern. Die kulturelle Wirkung reicht damit weit über die Führungsspitze hinaus — und verstärkt sich mit jeder Hierarchieebene, die den Modus stillschweigend übernimmt.

Wann Coaching hilft

Macht-Reflexion ist eines der typischen Coaching-Themen für Geschäftsführer — und eines, das interne Reflexion kaum leisten kann. Wer mit Mitarbeitern oder Peers über die eigene Macht reflektiert, läuft sofort in politische Verwerfungen. Externe Reflexion bietet den geschützten Raum.

Was im Coaching konkret passiert: keine Theorieseminare über Machtformen, keine Tests, die am Ende nichts verändern. Stattdessen Arbeit an konkreten Situationen. Welche Entscheidung haben Sie letzte Woche getroffen — und über welche Form von Macht? Was hat das in Ihrem Team ausgelöst? Wo haben Sie Macht ungenutzt gelassen, und warum? Das ist keine Selbstoptimierung im Vakuum. Das ist die Fähigkeit, sich selbst als Führungsperson zu sehen — aus einer Distanz, die intern kaum möglich ist.

Für Inhaber und Geschäftsführer im Mittelstand kommt eine weitere Dimension hinzu: die Identifizierung mit dem Unternehmen. Wer seinen Betrieb aufgebaut hat, hört Kritik an seiner Führung oft als Kritik an sich als Person. Diese Verschmelzung ist menschlich — und führungstechnisch gefährlich. Ein Coaching-Mandat für Macht-Reflexion adressiert genau diese Grenze: Was gehört zur Rolle, was zur Person — und was verlangt die Rolle, auch wenn es unbequem ist. Die Frage ist nicht, ob Sie Macht haben. Die Frage ist, ob Sie sie kennen.

Was sich in der Praxis zeigt: Wer Macht einmal klar reflektiert hat — die eigene und die der Ebene darunter —, verändert seinen Führungsstil nicht dramatisch, aber präziser. Entscheidungen werden bewusster getroffen, Signale bewusster gesetzt. Die Wirkung auf das Team ist spürbar — nicht weil mehr Macht eingesetzt wird, sondern weil die Macht, die eingesetzt wird, eine Absicht hat.

Ihr PCG-Vorsprung: Macht-Reflexion gehört zu meinen häufigsten Coaching-Themen. Mein Setup: regelmäßige Reflexion über konkrete Situationen, in denen Macht eine Rolle spielt — produktiv oder destruktiv. Mehr zu meinem Coaching für Geschäftsführer.

Ihr nächster Schritt

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie Ihre eigene Macht nicht klar reflektieren — vereinbaren Sie ein kostenfreies Erstgespräch. Wir klären, ob ein Coaching-Mandat passt.


Daniel Gaß ist Gründer von Performance.Consulting by Gaß (PCG). Mit über 15 Jahren Geschäftsleitungserfahrung im Mittelstand und einem systemischen Beratungsansatz begleitet er Führungskräfte und Unternehmen dabei, durch Haltung und Struktur nachhaltige Erfolge zu erzielen.

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