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Werte im Unternehmen — Symbolbild

Werte im Unternehmen — jenseits der Plakate

„Vertrauen, Verantwortung, Innovation." So oder so ähnlich hängt es in fast jedem mittelständischen Foyer. Und in fast jedem Unternehmen ist es vollkommen belanglos. Wie Sie Werte definieren, die tatsächlich Entscheidungen tragen — und woran Sie erkennen, ob Ihre Werte wirklich wirken.


Wertearbeit hat im deutschsprachigen Mittelstand einen schlechten Ruf — und das oft zu Recht. In den Nullerjahren wurde sie als Allheilmittel verkauft, in den Zehnerjahren wurde sie zur Pflichtübung jeder größeren Reorganisation. Was geblieben ist: bunte Plakate in Konferenzräumen, Tassen mit „Wir leben Vertrauen", und im Tagesgeschäft eine Geschäftsleitung, die genau dieses Vertrauen routinemäßig bricht. Die Folge: Werte sind ein Symbol für Verlogenheit geworden, nicht für Substanz.

Das ist schade, denn Werte können tatsächlich tragen — wenn man sie ernsthaft macht. In meiner Beratungspraxis habe ich Unternehmen begleitet, in denen Werte konkrete strategische Entscheidungen getroffen haben. Und ich habe Unternehmen gesehen, in denen Werte das teuerste Theater des Jahres waren. Was die einen von den anderen unterscheidet — darum geht es hier.

Warum Werte-Plakate scheitern

Drei strukturelle Gründe, warum die meisten Wertearbeiten ohne Wirkung bleiben.

Erstens: Sie sind beliebig. „Vertrauen, Verantwortung, Innovation." Welches Unternehmen würde sagen, sie hätten diese Werte nicht? Werte, denen niemand widerspricht, treffen keine Entscheidung. Werte, die niemandem etwas abverlangen, ändern auch nichts.

Zweitens: Sie sind nicht angeschlossen. Werte werden in einem Workshop definiert, auf Plakate gedruckt — und dann an die operative Steuerung nicht angeschlossen. Boni werden weiter nach Umsatz vergeben, Beförderungen weiter nach Loyalität, Investitionsentscheidungen weiter nach ROI. Wenn die Anreize nicht zu den Werten passen, gewinnen die Anreize.

Drittens: Sie werden nicht gegen sich selbst getestet. Wirksame Werte zeigen sich erst, wenn sie etwas kosten. Wenn ein „wir handeln nachhaltig"-Wert sich nur dann zeigt, wenn Nachhaltigkeit auch ökonomisch günstiger ist, dann ist das kein Wert — das ist eine Rationalisierung. Werte werden im Konflikt sichtbar.

Was wirksame Werte ausmacht

Drei Eigenschaften, die wirksame Werte von Plakat-Werten unterscheiden.

Sie sind unbequem. Ein Wert, der allen gefällt, ist meistens leer. Ein Wert, der einige Mitarbeiter stört oder einige Kunden verprellt, ist meistens substanziell. Wertearbeit ist immer Auswahl — und Auswahl heißt: nicht alle bekommen, was sie wollen.

Sie geben Antwort auf konkrete Konflikt-Fälle. Ein wirksamer Wert lässt sich an konkreten vergangenen Fällen prüfen: Hätte uns dieser Wert in der Situation X eine andere Entscheidung empfohlen? Wenn die Antwort „ja" lautet — sind wir bereit, beim nächsten Mal anders zu entscheiden? Diese Frage entlarvt die Plakat-Werte sofort.

Sie sind in den Entscheidungs-Routinen verankert. Wirksame Werte stehen nicht nur auf Plakaten. Sie tauchen in Bonus-Vereinbarungen auf, in Beförderungs-Kriterien, in Investitionsbewertungen, in Mitarbeiter-Feedback. Wenn ein Wert in keinem dieser Systeme erscheint, ist er Dekoration.

Die drei häufigsten Fallen in der Wertearbeit

Aus 15 Jahren Praxis drei Muster, die fast jede Wertearbeit kippen lassen können.

Falle 1: Konsens-Suche. In Werte-Workshops wird oft ein Konsens-Modus eingenommen — alle Beteiligten sollen einverstanden sein, jeder Ton wird abgemildert. Das Ergebnis: Werte, die niemandem wehtun und folglich keinem helfen.

Falle 2: Kopie aus dem Lehrbuch. Werte werden aus generischen Listen genommen, ohne dass das eigene Unternehmen wirklich befragt wird. Das Ergebnis: Werte, die zu jedem Unternehmen passen — und genau deshalb zu keinem.

Falle 3: Werte als Marketing. Werte werden definiert, weil das Unternehmen ein Image-Problem hat oder eine Recruiting-Herausforderung. Das Ergebnis: Werte, die nach außen zeigen, was nach innen nicht stimmt — und nach kurzer Zeit als zynisch wahrgenommen werden.

Wie Sie Werte definieren, die tragen

Drei Schritte aus meiner Praxis, die in der Regel funktionieren.

Schritt 1: Vergangene Konflikte analysieren. Welche schwierigen Entscheidungen hat die Geschäftsleitung in den letzten zwei Jahren getroffen? Wo gab es interne Spannungen? Welche Optionen wurden gewählt — und welche bewusst nicht? Diese Konflikte sind die Goldgrube für Wertearbeit. Sie zeigen, was tatsächlich wichtig war, nicht was wichtig sein sollte.

Schritt 2: Werte als Konflikt-Antworten formulieren. Statt abstrakter Begriffe wie „Vertrauen" formulieren Sie Werte als Antworten auf konkrete Konflikte. „Wenn Liefertermin und Qualität in Konflikt stehen, entscheiden wir für Qualität." „Wenn neue Mitarbeiter und kurzfristiger Output in Konflikt stehen, entscheiden wir für Einarbeitung." Solche Werte sind operational und prüfbar.

Schritt 3: Anschluss an Routinen prüfen. Für jeden formulierten Wert: Wo zeigt er sich in den nächsten 12 Monaten? Welche Bonus-Strukturen müssen angepasst werden? Welche Sitzungs-Routinen müssen den Wert reflektieren? Wenn ein Wert keinen Anschluss an Routinen findet, streichen Sie ihn — er wird nicht wirken.

Die Test-Phase: Was wirklich zählt

Wertearbeit zeigt sich erst nach 12 bis 18 Monaten. Drei Indikatoren, an denen Sie messen können, ob Ihre Werte wirken.

Erstens: Werden in Sitzungen Entscheidungen mit Bezug auf die Werte begründet? Wenn ja: gut. Wenn die Werte nie auftauchen, sind sie tot.

Zweitens: Wurden Mitarbeiter aufgrund von Wertekonflikten entlassen — auch hochperformante? Diese Frage klingt hart, ist aber zentral. Wenn ein Wert nie zur Trennung geführt hat, ist er nicht wirklich ein Wert.

Drittens: Hat ein Wert eine ökonomisch teure Entscheidung beeinflusst? Ein Auftrag abgelehnt, ein Kunde verloren, eine Investition verschoben? Wenn nicht, war es keine Wert-getriebene Entscheidung — es war eine Bauchgefühl-getriebene mit Wert-Anstrich.

Wann externe Begleitung sinnvoll ist

Wertearbeit ist eines der Themen, bei denen externe Moderation wirklich Mehrwert bringt. Der Grund: Die Geschäftsleitung selbst kann nicht ehrlich über die eigenen impliziten Werte sprechen, ohne in Rechtfertigungs-Modus zu kippen. Eine externe Begleitung kann unbequeme Fragen stellen, ohne dass es politisch wird.

In meinen Mandaten ist das Setup typischerweise: Einzelinterviews mit allen Geschäftsleitungs-Mitgliedern, gemeinsame zwei-Tage-Klausur mit Konflikt-Analyse, dann eine 6-monatige Begleitung der Anschluss-Phase, in der die Werte in Routinen verankert werden.

Ihr PCG-Vorsprung: Wertearbeit ist kein Workshop-Format, sondern ein Reifungsprozess. Mein Ansatz: ehrliche Diagnose statt schöner Plakate. Mehr zu meiner Begleitung von Wertearbeit und Organisationsentwicklung.

Ihr nächster Schritt

Wenn in Ihrem Unternehmen Werte existieren, die niemand wirklich glaubt — vereinbaren Sie ein kostenfreies Erstgespräch. Wir machen in 30 Minuten eine ehrliche Bestandsaufnahme.


Daniel Gaß ist Gründer von Performance.Consulting by Gaß (PCG). Mit über 15 Jahren Geschäftsleitungserfahrung im Mittelstand und einem systemischen Beratungsansatz begleitet er Führungskräfte und Unternehmen dabei, durch Haltung und Struktur nachhaltige Erfolge zu erzielen.

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