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Kompass als Symbolbild für Selbstführung und Orientierung

Foto: Cody Engel / Unsplash

Der PCG-Kompass: Selbstführung als übersehenes Fundament

Wer führt, investiert gern in Kommunikation, Rollenklarheit und Methoden. Was dabei oft übersprungen wird, ist das Fundament: die Führung der eigenen Person. Der PCG-Kompass ordnet Führungsthemen in vier Richtungen. Im Norden steht die Selbstführung. Dieser Artikel zeigt, warum ausgerechnet dieser Punkt so häufig fehlt, was er umfasst und wie Sie im Alltag damit beginnen können.


Ich kenne das Muster aus meiner Zeit in der Geschäftsleitung und aus vielen Gesprächen danach. Ein Bereichsleiter in einem Produktionsbetrieb besucht ein Kommunikationstraining, setzt die Techniken sauber um und stellt nach wenigen Wochen fest, dass sich im Kern nichts verändert hat. Eine Inhaberin im Handel definiert ihre Rolle neu, schreibt Zuständigkeiten auf und hängt trotzdem weiter in jeder Kleinigkeit mit drin. Beide haben nichts falsch gemacht. Sie haben nur an Stellen gearbeitet, die auf einem Boden stehen, den sie nie angeschaut haben.

Warum Führung selten am Wissen scheitert

Die meisten Führungskräfte im Mittelstand wissen sehr genau, was gute Führung ausmacht. Sie wissen, dass Feedback zeitnah sein sollte, dass Ziele klar formuliert werden müssen und dass Delegation Vertrauen braucht. Das Wissen ist da. Woran es im Alltag hakt, ist die Umsetzung unter realen Bedingungen: Termindruck, Erwartungen von Gesellschaftern, ein Team mit unterschiedlichen Interessen, dazu die eigene Müdigkeit am Donnerstagabend.

In solchen Momenten entscheidet nicht die Methode, sondern der innere Zustand. Wer erschöpft ist, reagiert eher schroff, als er es möchte. Wer nicht weiß, was ihm wirklich wichtig ist, lässt sich von der lautesten Anforderung steuern. Wer seine Muster nicht kennt, wiederholt sie, auch wenn er sie im Seminar durchschaut hat.

Deshalb lohnt sich ein Blick auf die Reihenfolge. Nicht jede Führungsfrage beginnt bei der Person, aber erstaunlich viele landen dort, wenn man lange genug nachfragt. Genau dafür haben wir den PCG-Kompass entwickelt.

Der PCG-Kompass: vier Richtungen als Gesprächsrahmen

Der PCG-Kompass ist ein Orientierungsmodell für Gespräche über Führung. Er hat vier Richtungen:

  • Norden: Selbstführung. Werte und Ziele, Energie und Stress, persönliche Entwicklungsfelder.
  • Osten: Kommunikation. Wie Sie Informationen, Erwartungen und Kritik so vermitteln, dass sie ankommen.
  • Westen: Rolle und Haltung. Was von Ihnen erwartet wird, was Sie selbst erwarten und wie Sie die Rolle ausfüllen.
  • Süden: Anleitung und Transfer. Wie Sie andere befähigen und wie Neues im Alltag tatsächlich ankommt.

Wichtig ist mir die Einordnung: Der Kompass ist ein Gesprächsrahmen. Er ist kein Test, er stellt keine Diagnose, und er teilt niemanden in Typen ein. Er ist auch nicht wissenschaftlich validiert und erhebt diesen Anspruch nicht. Er ist aus Praxiserfahrung entstanden und hat einen bescheidenen Zweck: Er hilft, in einem Gespräch schneller zu erkennen, wo man gerade steht und worüber es sich zu sprechen lohnt.

Ein Kompass zeigt keine Route vor. Er zeigt eine Richtung, und was Sie daraus machen, bleibt Ihre Entscheidung. Das passt zu meinem Verständnis von Coaching: Die Verantwortung für Ziele und Schritte liegt bei den Menschen, die sie tragen müssen.

Vier Phasen: Verorten, Fokussieren, Bearbeiten, Verankern

Neben den vier Richtungen gibt es vier Phasen, in denen wir arbeiten. Sie sind keine starre Abfolge, sondern eine Denkhilfe.

Verorten. Wo stehen Sie gerade, in welcher Richtung des Kompasses liegt Ihr dringendstes Thema, und was ist eher Symptom als Ursache? Diese Phase wird gern zu schnell abgehakt, weil man endlich „etwas tun“ möchte.

Fokussieren. Aus vielen möglichen Themen wird eines oder wenige. Das ist unbequem, weil Fokussieren bedeutet, andere Themen bewusst zurückzustellen.

Bearbeiten. Jetzt wird gearbeitet: im Gespräch, durch Perspektivwechsel, durch kleine Experimente im Alltag. Hier geschieht die eigentliche Veränderung, aber sie ist ohne die ersten beiden Phasen unscharf.

Verankern. Was sich bewährt hat, wird in Routinen und Vereinbarungen überführt. Ohne diese Phase bleibt vieles ein guter Vorsatz, der nach drei Wochen im Tagesgeschäft verschwindet.

Wenn Sie Kompass und Phasen zusammendenken, haben Sie ein einfaches Raster: In welcher Richtung liegt mein Thema, und in welcher Phase bin ich damit? Schon diese Frage sortiert erstaunlich viel.

Norden: Was Selbstführung umfasst

Selbstführung klingt nach Selbstoptimierung und damit nach etwas, das man neben dem eigentlichen Geschäft „auch noch“ erledigen soll. Gemeint ist etwas Nüchterneres: die Fähigkeit, sich selbst so zu steuern, dass man handlungsfähig und ansprechbar bleibt, auch wenn es eng wird. Im Kompass umfasst der Norden drei Felder.

Werte- und Zielklärung. Was ist Ihnen im Führungsalltag wirklich wichtig, und woran würden Sie in fünf Jahren erkennen, dass sich Ihr Einsatz gelohnt hat? Viele Führungskräfte haben darauf keine ausformulierte Antwort. Sie handeln nach Gewohnheit, nach Erwartungen anderer oder nach dem, was gerade brennt. Das funktioniert lange, bis Entscheidungen anstehen, bei denen Werte kollidieren: Loyalität gegenüber einem langjährigen Mitarbeiter gegen die Notwendigkeit, eine Position neu zu besetzen. Wer seine Werte nicht kennt, erlebt solche Konflikte als diffuses Unbehagen statt als klare Abwägung.

Energie- und Stressmanagement. Hier geht es weniger um Entspannungstechniken als um ehrliche Bestandsaufnahme. Was gibt Ihnen Energie, was kostet sie? Wann sind Sie am besten ansprechbar, und wann nicht? Welche Signale zeigt Ihr Körper, die Sie seit Monaten überhören? Als Faustregel aus meiner Erfahrung gilt: Führungskräfte unter Dauerdruck verlieren zuerst die Geduld und dann die Neugier. Beides sind Kernressourcen für Führung. Ein Coaching ist dafür keine Therapie. Wenn hinter der Erschöpfung eine gesundheitliche Frage steht, gehört sie in ärztliche oder therapeutische Hände.

Persönliche Entwicklungsfelder. Jeder hat Muster, die im Beruf nützlich sind und an anderer Stelle im Weg stehen. Der Perfektionismus, der Qualität sichert, aber Delegation verhindert. Der Wunsch nach Harmonie, der Teams zusammenhält, aber Konflikte zu spät auf den Tisch bringt. Entwicklungsfelder zu kennen heißt nicht, sich zu verbiegen. Es heißt, die eigenen Muster so gut zu verstehen, dass man sie bewusst einsetzt, statt von ihnen eingesetzt zu werden.

Warum Kommunikation, Rolle und Transfer ohne diesen Boden wackeln

Der Kompass ist kein Stufenmodell. Sie müssen nicht erst im Norden „fertig“ sein, um an den anderen Richtungen zu arbeiten. Aber die Erfahrung zeigt, dass die anderen Richtungen instabil bleiben, wenn der Norden nicht mitgedacht wird.

Osten ohne Norden. Kommunikationstechniken helfen, wenn Sie im Gespräch präsent sind. Ist eine Führungskraft innerlich schon beim nächsten Termin oder gereizt, hört das Gegenüber das sofort, egal wie sauber die Ich-Botschaft formuliert ist. Eine Geschäftsführerin in einem Dienstleistungsunternehmen erzählte mir, sie habe ihr Feedbackgespräch nach Lehrbuch geführt und trotzdem den Eindruck gehabt, gar nicht angekommen zu sein. Im Gespräch zeigte sich: Sie hatte das Gespräch zwischen zwei Terminen geführt und war selbst noch mit einer ungelösten Kundenfrage beschäftigt. Die Technik stimmte. Die Präsenz fehlte.

Westen ohne Norden. Rollenklarheit hat mit Haltung zu tun, und Haltung entsteht aus Werten. Ein Handwerksmeister, der zum Betriebsleiter aufgestiegen ist, kann seine Aufgaben perfekt beschreiben und greift dennoch bei jeder Baustelle selbst ein, weil er sich innerlich noch als der beste Handwerker im Betrieb definiert. Das Rollenpapier ändert daran nichts. Erst die Frage „Wer will ich in dieser neuen Rolle sein, und was gebe ich dafür bewusst auf?“ bewegt etwas.

Süden ohne Norden. Anleitung und Transfer setzen voraus, dass Sie Ihre eigene Energie und Aufmerksamkeit so steuern, dass Sie Menschen dauerhaft begleiten können. Wer selbst im Dauerlauf ist, hat für Einarbeitung, Nachfragen und Dranbleiben schlicht keine Reserve. Dann wird Delegation zur Abgabe, und Transfer bleibt dem Zufall überlassen.

Das gilt auch für Familienbetriebe, in denen private und geschäftliche Rollen ineinandergreifen. Dort zeigt sich besonders deutlich, wie viel Klarheit im Norden nötig ist, um in den anderen Richtungen nicht ständig zwischen Erwartungen zerrieben zu werden.

Warum Führungskräfte den Norden überspringen

Wenn Selbstführung so grundlegend ist, warum wird sie so oft ausgelassen? Ich sehe im Wesentlichen vier Gründe.

  • Sie ist unsichtbar. Ein neues Meetingformat oder ein überarbeitetes Organigramm ist greifbar. Innere Klarheit lässt sich schwer vorzeigen.
  • Sie ist unbequem. Nach innen zu schauen heißt, sich mit eigenen Grenzen zu beschäftigen. Das fühlt sich für viele nach Schwäche an, obwohl das Gegenteil zutrifft.
  • Sie hat keinen Termin. Dringendes verdrängt Wichtiges. Die Kundenreklamation bekommt einen Slot, das Nachdenken über die eigenen Werte nicht.
  • Sie wirkt wie ein Luxus. Gerade im Mittelstand, wo alle anpacken, gilt Reflexion schnell als etwas für Konzerne mit großen Personalabteilungen.

Dabei ist Selbstführung eher eine Art Wartung als ein Luxus. Kein Betrieb würde eine zentrale Maschine jahrelang ohne Wartung laufen lassen, weil sie ja noch läuft. Bei der eigenen Person tun es viele.

Reflexionsfragen und Alltagsübungen für Nord

Sie brauchen keinen Workshop, um zu beginnen. Die folgenden Fragen und Übungen sind bewusst klein gehalten. Nehmen Sie sich eine oder zwei heraus und probieren Sie sie eine Woche lang aus.

Reflexionsfragen zu Werten und Zielen:

  • Welche Entscheidung der letzten Monate würde ich heute genauso treffen, und welche nicht? Was sagt das über meine Werte?
  • Wofür habe ich zuletzt Zeit geopfert, obwohl es mir eigentlich nicht wichtig war?
  • Was soll in meinem Verantwortungsbereich in drei Jahren anders sein, und was bin ich bereit, dafür zu ändern?

Reflexionsfragen zu Energie und Stress:

  • Welche drei Tätigkeiten der letzten Woche haben mir Kraft gegeben, welche drei haben sie gekostet?
  • An welchem Punkt des Tages werde ich ungeduldig, und was geht dem meist voraus?
  • Welches Warnsignal meines Körpers habe ich zuletzt ignoriert?

Reflexionsfragen zu Entwicklungsfeldern:

  • In welcher Situation reagiere ich immer wieder gleich, obwohl ich es anders wollte?
  • Welche Rückmeldung habe ich in der Vergangenheit mehrfach gehört und bisher nicht ernst genommen?
  • Was würde mein engster Mitarbeiter über mich sagen, wenn er ganz ehrlich sein dürfte?

Alltagsübungen:

  • Der Zehn-Minuten-Puffer. Planen Sie zwischen zwei wichtigen Terminen zehn Minuten ein, in denen nichts passiert. Nutzen Sie sie, um innerlich anzukommen, bevor das nächste Gespräch beginnt.
  • Das Wochenende in drei Sätzen. Schreiben Sie am Freitag drei Sätze auf: Was hat diese Woche funktioniert? Was hat mich Kraft gekostet? Was nehme ich mir für die nächste vor? Nach einem Monat erkennen Sie Muster.
  • Die Entscheidungsnotiz. Notieren Sie bei einer schwierigen Entscheidung kurz, welcher Wert Sie leitet. Das schärft, und es macht die Entscheidung später leichter zu erklären.
  • Der Ehrlichkeits-Check. Fragen Sie einmal pro Woche eine vertraute Person: „Wo war ich diese Woche schwer zu erreichen?“ Die Antwort ist oft aufschlussreicher als jede Selbsteinschätzung.

Diese Übungen sind keine Methode im strengen Sinne. Sie sind Einladungen, wieder Kontakt mit sich aufzunehmen. Wenn Sie dabei merken, dass ein Thema größer ist, als Sie allein bearbeiten möchten, ist das ein brauchbares Ergebnis.

Wann ein Gegenüber hilft

Selbstreflexion hat eine natürliche Grenze: Sie sehen nur, was Sie sehen. Blinde Flecken lassen sich schwer allein finden. Ein Gegenüber, das nicht Teil Ihres Systems ist, kann Fragen stellen, die Kollegen oder Mitarbeiter sich nicht trauen. Ob das Coaching, Sparring oder Mentoring sein soll, hängt von Ihrem Anliegen ab. Einen Überblick zu den Unterschieden finden Sie im Beitrag Coaching, Sparring und Mentoring im Vergleich.

Auch andere Formate haben ihren Platz, und es lohnt sich, sie sauber auseinanderzuhalten. Mediation ist freiwillig und vertraulich und wird von einem allparteilichen Mediator begleitet, die Entscheidungen bleiben bei den Beteiligten. Supervision reflektiert berufliches Handeln, Coaching begleitet Ihre persönliche und berufliche Entwicklung. Keines davon ist Therapie, keines ist Rechtsberatung. Eine Übersicht bietet der Artikel Mediation, Coaching und Supervision im Überblick.

Wenn Sie wissen möchten, wie andere Sie erleben, kann eine strukturierte Rückmeldung helfen. Wie Sie ein 360-Grad-Feedback sinnvoll einführen, hängt stark davon ab, ob Sie bereit sind, die Ergebnisse als Einladung zum Gespräch zu verstehen und nicht als Urteil. Und wenn Sie sich fragen, welche Themen bei Geschäftsführern typischerweise auf den Tisch kommen, finden Sie eine Einordnung in den häufigsten Coaching-Anliegen von Geschäftsführern im Mittelstand.

Ihr PCG-Vorsprung: Der PCG-Kompass gibt Ihnen ein einfaches Raster, um Führungsthemen zu ordnen, ohne Sie in Schubladen zu stecken. Sie verorten Ihr Anliegen, fokussieren auf das Wesentliche, bearbeiten es mit Gegenüber und verankern, was sich bewährt. Dabei beginnen wir dort, wo es trägt: bei Ihnen selbst. Mein Ansatz „Perspective · Change · Growth“ verbindet über 15 Jahre eigene Geschäftsleitungserfahrung im Mittelstand mit systemischer Coaching-Haltung.

Ihr nächster Schritt

Wenn Sie beim Lesen an einer Stelle hängen geblieben sind, an einer Frage, die Sie beschäftigt, oder an einem Muster, das Ihnen bekannt vorkommt, dann ist das ein guter Ausgangspunkt. Nehmen Sie sich diese Richtung des Kompasses vor. Beginnen Sie klein, mit einer der Übungen oben.

Wenn Sie das gemeinsam mit einem Gegenüber angehen möchten, ist ein unverbindliches Erstgespräch der einfachste Weg. Wir klären, wo Sie im Kompass stehen, welches Thema Vorrang hat und ob Coaching das passende Format für Ihre Situation ist. Kein Verkaufsdruck, kein fertiges Programm: Sie entscheiden, was daraus wird.


Daniel Gaß ist Gründer von Performance.Consulting by Gaß (PCG). Mit über 15 Jahren Geschäftsleitungserfahrung im Mittelstand und einem systemischen Beratungsansatz begleitet er Führungskräfte und Unternehmen dabei, durch Haltung und Struktur nachhaltige Erfolge zu erzielen.

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